Zweiter Praktikumsbericht: Von Solarelektrifizierungen, Familienfesten und gigantischen Wassermassen

Meine zweite Praktikumswoche bei SEWA geht seinem Ende zu. Diese Woche sind wieder viele neue Eindrücke auf mich eingestürzt, und ich habe bei meiner Arbeit bei SEWA viel über das Thema Solarelektrifikation in Afrika lernen können. Da ich an der Verbesserung der Fragebögen für elektrifizierte Schulen und Krankenstationen arbeite, habe ich mich erst einmal in die vorhandene Literatur zum Thema etwas eingelesen. Ich habe gelernt, dass Afrika südlich der Sahara der niedrigst elektrifizierte Teil der Erde ist, in Burkina Faso hat z.B. nur 1% (2005) der ländlichen Gegenden Zugang zu Elektrizität(Ouattara, 2010). Da in Westafrika die Menschen auf dem Land in verstreuten Siedlungen leben, sind die Anschlusskosten an ein Elektrizitätsnetz wie wir es aus Deutschland gewohnt sind, nur unter hohen Kosten möglich, die weder die Regierung noch die Menschen vor Ort, bereit und fähig sind zu zahlen. Photovoltaik (PV) Module stellen daher eine Möglichkeit dar, dezentral über die Kraft der Sonne (vor der ich mich hier nur mit Sonnenschutzmittel LSF 50 und langer Kleidung etwas schützen kann) Elektrizität herzustellen. Der größte Vorteil von PV ist die Erzeugung von Licht, das in Qualität und Gesundheit den alternativ genutzten raucherzeugenden Petroleumlampen, Kerzen oder vollkommender Dunkelheit ab 18/19 Uhr weit überlegen ist. Jedoch bleibt die PV-Techniktrotz sinkender Weltmarktpreise immer noch unerschwinglich für die große Mehrheit der armen Haushalte in Afrika. Außerdem wird kritisiert, dass der hohe Importanteil an PV-Technik zu einer weiteren Abhängigkeit Afrikas an ausländischen Waren führt. Nichtsdestotrotz gehört PV in einen ausgewogenen Energiemix jedes afrikanischen Landes aufgrund des schieren Angebots an Sonnenstrahlung und kann - wie das Beispiel Deutschland gezeigt hat - durch geeignete staatliche Instrumente auch gefördert werden – nur geschieht das in Burkina Faso noch so gut wie gar nicht. PV-Anlagen können nämlich auch erhebliche Vorteile haben, erst recht wenn, wie SEWA es macht, sich Solarelektrifikation nicht nur auf einzelne Haushalte, sondern auf Schulen und Krankenstationen konzentriert, wo positive Effekte für bessere Bildung und Gesundheit wahrscheinlicher zu erzielen sind als mit Installationen für private Haushalte, wo der Strom nämlich oft (und wer kann es den Leuten verdenken) für TV und Radio genutzt wird (die nichtsdestotrotz auch indirekte Bildungeffekte haben können, z.B. über Nachrichten oder das Vertrautmachen mit anderen Sprachen). In Schulen kann eine Elektrifizierung der Klassenräume dazu führen, dass die Schüler auch nach dem Einbrechen der Nacht (hier etwa 18Uhr) noch lernen, Hausaufgaben erledigen oder sich auf Prüfungen vorbereiten können. Lehrer auf dem Land können sich durch das Solarlicht besser auf die Unterrichtsstunden des folgenden Tags vorbereiten. In Krankenhäusern können z.B. Geburten ohne den Gebrauch von Taschenlampen begleitet und Patienten behandelt werden. Die Vorteile liegen auf der Hand und stellen tatsächlich einen Meilenstein für die Schulen und Krankenstationen auf dem Land in Burkina Faso dar. Jede Spende für eine Elektrifikation hat damit einen langanhaltenden Effekt für die Menschen dieses Landes.

 

Neben der Arbeit bei SEWA habe ich in den ersten beiden Wochen in Ouagadougou auch viele Dinge des täglichen Lebens hier entdeckt, gestaunt und oft in mich rein geschmunzelt. Ich staune jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit über die vielen hübschen Frauen in ihren bunten Kleidern, die auf ihren Mopeds an mir vorbeidüsen. Da merkt man, dass wir in Deutschland auch mal einen Farbtupfer mehr vertragen könnten! Ich bin überaus beeindruckt von den Frauen, die hier alle möglichen Dinge auf dem Kopf mit sich herumtragen und so beide Hände immer frei haben: da schweben Kleidung, Nahrungsmittel, aber auch Stühle in der Luft und das beste Jonglierstück überhaupt, was ich bisher gesehen habe: ein bis zwei Paletten Eier! Wieviel Übung bzw. Selbstbewusstsein muss man dafür haben!

 

Auch bin ich erstaunt, wie die Leute hier einfach so auf dem Boden schlafen können. Als sich meine SEWA-Kollegin Solange das erste mal nach dem Mittagessen hinter mir auf den Boden legte, um zu schlafen (ohne Kissen, Decke, nix) konnte ich es erst gar nicht glauben. Mittlerweile habe ich mich an meine auf den Boden schlafenden Arbeitskollegen gewöhnt?. Essensmäßig gibt es hier nicht viel Abwechslung. Ich sage nur „Reis, Reis, Reis“! Mal mit Tomatensoße, mal mit Erdnusssoße – quasi im Tageswechsel. Nun bin ich als Vegetarierin hier natürlich sowieso ein bisschen eingeschränkt – aber auch ist es eine Konfrontation mit der Realität in Burkina Faso: Gemüse und Obst gibt es wenig und kostet so viel, dass es sich die meisten Einheimischen gar nicht leisten können. Auch wenn ich die Mangos hier total klasse finde – leider sind die 2 Euro für 5 Mangos trotzdem für viele zu viel Geld.

 

Da ja derzeit Regenzeit ist, regnet es in Ouaga fast täglich – was einerseits gut ist, da es dadurch nicht so warm ist, andererseits stellt der massive Regen hier ein wirkliches Infrastrukturproblem dar, denn viele Straßen in Ouaga sind nicht betoniert, sondern sind einfache Straßen aus der hier typischen roten Erde. Regnet es, füllen sich die Straßenlöcher umgehend mit Wasser und ganze Straßenabschnitte werden überschwemmt. Gestern Abend habe ich den richtigen Moment zum nach Hause fahren verpasst und hätte es mit meinem Moped auch gar nicht mehr nach Hause geschafft. Selbst manche Autos haben sich hier auf der Straße vorm Büro im Schlamm festgefahren, eins ist sogar ausversehen in den Abwasserkanal gefahren und umgekippt, weil das Wasser so hoch stand, dass man Straße von Kanal nicht unterscheiden konnte. Als mich zwei Kollegen dann im Jeep nach Hause gefahren haben, kamen wir an einer riesigen Wasserfläche vorbei. Ich: „Ist das einer der drei Stauseen von Ouaga?“ Antwort: „Nein, das ist nur ein überschwemmtes Feld.“ Die Wassermassen, die hier vom Himmel fallen, sind wirklich gigantisch!

 

Heute hat einer der MicroSow-Kollegen die Geburt seiner Tochter gefeiert. Nach muslimischer Tradition lädt man wohl 7 Tage nach Geburt Familie und Freunde zu sich nach Hause ein und gibt dem Kind dann seinen Namen. Es wurde ein Schaf geschlachtet und schon 10Uhr morgens laut Disco-Musik aufgedreht sowie ein Reismilch-ähnliches Getränk serviert. Ich habe die Möglichkeit genutzt mal ein paar Fotos von den Gästen und der größer gewordenen Familie zu schießen (siehe Fotos).

 

Nun bin ich schon auf mein zweites Wochenende in Ouaga gespannt: wir wollen in zu einem heiligen See mit Krokodilen fahren, denen wir ein Hühnchen opfern werden (obwohl ich damit als Vegetarierin nicht wirklich einverstanden bin). Mal schauen, ob ich mich überwinden kann.

 

 

 

Viele Grüße aus Ouaga,

 

Julia